Der Montag – Kalenderwoche 42

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Heute: Wall Street-Investor Jim Chanos sieht Chinas Wirtschaft nicht erst seit dem Evergrande-Disaster vor dem Untergang und die AfD diskutiert über neue Wege für die Zeit nach Jörg Meuthen. Von China bis nach Europa.

Der Montag bei konflikt: Wir schauen voraus in die Woche und berichten, was woanders ignoriert wird. Tagesaktuelles, randläufige Trends, hintergründige Entwicklungen – Der Montag blickt durch das Schlüsselloch der Politik in die kommende Woche.

Wall Street Guru: Chinesisches Modell vor dem Untergang

James Steven Chanos ist eine amerikanische Erfolgsgeschichte wie aus dem Bilderbuch: Geboren 1957 in Milwaukee als Sohn griechischer Einwanderer, die eine Waschsalon-Kette betrieben, studierte der überaus talentierte »Jim« Chanos an der renommierten Universität Yale. Mit gerade einmal 25 Jahren fing er 1982 in New York bei der Investmentfirma Gilford Securities an, ein Jahr später hatte er sich bereits einen Namen an der Wall Street gemacht und wurde aufgrund seiner riskanten und erfolgreichen Verkaufsstrategien von der Deutschen Bank rekrutiert. Mit 30 Jahren konnte er bereits 16 Millionen Dollar Startkapital aufbringen und seine eigene Investmentfirma Kynikos (»Zyniker«) Associates gründen.

Die Investmentstrategie passt zum Namen: Chanos und sein Team sind seit über 35 Jahren Meister darin, Schwachstellen und überbewertete Aktien zu erkennen, um diese dann zu »shorten«. Das Prinzip: Der short seller, zu Deutsch »Leerverkäufer«, leiht sich gegen Gebühr eine Aktie, die er zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft zurückgeben muss, und verkauft die geliehene Aktie sogleich auf dem Markt. Ist die Aktie bis zum Stichtag im Wert gesunken, beispielsweise von 100$ auf 60$, kauft er die Aktie für 60$ und gibt sie dem Leiher zurück – übrig bleiben 40$ Profit abzüglich der Leihgebühr. Der short seller macht also eine hochriskante Spekulation auf den Wertverlust einer Firmenaktie oder einer sonstigen Position. Dass Jim Chanos, dessen Vermögen auf 1,5 Milliarden US-Dollar geschätzt wird, dieses Spiel so gut beherrscht, liegt Gerüchten zufolge vor allem an seinen Fähigkeiten, Insider-Informationen zu beschaffen und die Zusammenbrüche scheinbar stabiler Unternehmen vorherzusagen: Zuletzt hatte er vom Niedergang der amerikanischen chinesischen Café-Kette Luckin Coffee und der deutschen Wirecard AG profitiert, deren jeweilige betrügerische Überbewertung er zutreffend erkannt hatte.

Bereits 2009 äußerte Chanos gegenüber dem Fernsehsender CNBC, dass er nicht an das chinesische Wirtschaftswunder glaube und dem Land eine Entwicklung ähnlich der alten Sowjetunion vorhersage. 2010 wiederholte er seine Vorhersage und spezifizierte, dass der chinesische Immobilienmarkt als erstes zusammenbrechen werde. Weil der Crash ausblieb, gab Chanos 2017 selbst zu, Kynikos‚ Short-Positionen auf chinesische Unternehmen drastisch reduziert zu haben. Somit schien es, dass auch dieser Hai der Wall Street einmal massiv falsch gelegen haben könnte – bis zum Spätsommer dieses Jahres.

Ende August 2021 erreichte ein Brief das Licht der Öffentlichkeit, in dem sich der zweitgrößte Immobilienkonzern Chinas, die Evergrande Real Estate Group, mit Besorgen an die Provinzregierung von Guangdong richtete: Evergrande ginge die Liquidität aus. Bereits in den Monaten zuvor hatten die Rating-Agenturen Fitch, Moody’s und S&P den Immobilienkonzern, der vor allem Wohnungen und Infrastruktur für die wachsende chinesische Mittelschicht entwickelt, deutlich in der Kreditwürdigkeit herabgestuft. Am 31. August schließlich musste Evergrande selbst zugeben, dass sie in Zahlungsschwierigkeiten geraten würden, und am 24. September und 12. Oktober verpassten sie tatsächlich Rückzahlungen in Höhe von zusammen über 200 Milliionen US-Dollar. Während Evergrande große Beteiligungen veräußern muss, um wieder Liquidität zu erreichen, wurden alleine in den letzten drei Wochen mehrere chinesische Immobilienkonzerne in die Krise hineingezogen, mit Zahlungsrückständen in Milliardenhöhe.

Somit scheint vieles darauf hinzuweisen, dass Jim Chanos am Ende doch Recht behalten könnte – nicht zuletzt er selbst: In einem Interview mit Lynn Parramore vom Institute for New Economic Thinking äußerte sich Chanos vor einigen Tagen wie folgt ausführlich, warum er den chinesischen Crash bereits seit zehn Jahren voraussagte. Im Zentrum seiner Beobachtungen steht dabei der chinesische Staats- und Parteiführer Xi Jinping, den er als einen Nachfolger Maos charakterisiert:

»A few things made us think, no, this guy is different. His first speech in China after becoming president was critical of the Soviet Union for being soft on perestroika. Shey should have crushed it when they had the chance, he said. Xi then set up an institute to study the Soviet Union’s collapse. That was a red flag to us […] Next, we had the book collecting his speeches and writings, which people could be seen carrying arround. He started showing up in military events dressed in Mao jackets. This symbolism isn’t lost in China.

We noticed all this, but the real switch occured in 2019 when he started going after celebrities like Jack Ma [co-founder of Alibaba]. At that point, it was clear that this president was not stepping down at the end of 10 years. He was taking a much harder line on the „flowers of capitalism,“ if you will, than past presidents. In 2021, all of this exploded into the open. There’s been initiative after initiative. Redistributing wealth to the masses. Going after other leaders. Overlaid on top of this is the Evergrande saga.«

Chanos und sein Team beobachten also seit dem Amtsantritt Xi Jinpings als Paramount Leader (»Oberster Führer«) einen stetigen Wandel weg von den marktöffnenden Reformen seiner Vorgänger und hin zu einem Neo-Maoismus mit zunehmend totalitärer Herrschaftskultur und massiven Staatseingriffen. Zur konkreten Entfaltung der gegenwärtigen chinesischen Immobilienkrise hat Chanos Folgendes zu sagen:

»Well, here’s the problem. I always joke that when you have an investment-driven economic model, you know your annual GDP on January 1st of that year, because you can stick shovels in the ground to make your growth numbers. That’s how the model works. It’s not a consumption-based model. As we now know — and the Wall Street Journal just had some phenomenal numbers in a recent piece – that real estate construction is now larger than it was when he took office. I would always hear, well, don’t worry: these are smart guys, technocrats who see the problem and will wean themselves off this apartment construction-on-steroids. But they haven’t.«

Dem Top-Investoren zufolge ist China bewusst und sehenden Auges in eine Immobilienkrise gerast, weil die Führungsebenen in Staat und Wirtschaft keine nachhaltige Alternative zu den massiven Bauprojekten entwickeln konnten, um das Wirtschaftswachstum weiter anzutreiben. Dadurch ist ein Großteil des Bruttoinlandsproduktes – Chanos spricht von bis zu 40% – direkt oder indirekt vom Bausektor abhängig. Dies stellt die chinesische Regierung vor eine unmögliche Entscheidung: Die Blase platzen zu lassen und eine massive Wirtschaftskrise samt Massenarbeitslosigkeit und unzähligen leerstehenden, halb fertigen Luxusimmobilien in Kauf zu nehmen, oder die Immobilienkonzerne mit Staatskrediten zu retten und in wenigen Jahren vor einer noch viel größeren Krise zu stehen.

So oder so sieht Chanos eine noch viel besorgniserregendere Entwicklung sich abzeichnen: Mit dem zunehmenden Autoritarismus Xi Jinpings, dem »Säbelrasseln« gegen Taiwan, Indien und Tibet, den Drohungen gegen Australien und Japan, den »Konzentrationslagern« in Xinjiang, der undurchsichtigen chinesischen Pandemiereaktion und dem nun womöglich bevorstehenden Zusammenbruch der chinesischen Wirtschaft sieht Jim Chanos alle Zeichen auf eine globale politische Krise: »That’s a 1930s kind of problem. We know that a rise in authoritarianism and statism around the world was one of the upshots of ’29-’32.«

Die nächsten Schritte, mit denen der Investor rechnet, sind weiter zunehmende staatliche Kontrolle über den Technologiesektor und, im Zuge der Wirtschaftskrise, eine Kontrollübernahme im Bankwesen durch Xi Jinpings Machtnetz. »I can’t help but think of Stalin«, resümiert Chanos die immer neuen Zentralisierungs- und Säuberungswellen des Großen Führers. Doch wofür diese Ermächtigung langfristig dienen soll, kann er nicht vorhersagen: Was auch immer kommen wird, ein militärisches Hochrüsten oder ein isolationistischer Kurs, wird nach der Vorhersage von Chanos sehr grundsätzlich und folgenschwer sein – sowohl für China als auch für den Rest der Welt. Und auch diesmal könnte der Wall Street Guru ein richtiges Gespür haben.

Von China nach Europa – AfD nach Jörg Meuthen: Wie geht es weiter?

Gestern, am 17.10.2021, gab es einen kontakt-Diskussionsraum mit Carlo Clemens von der Jungen Alternative und Joachim Paul, MdL (Rheinland-Pfalz). Das 90-minütige Gespräch drehte sich um die Frage, wie die Alternative für Deutschland sich nach dem angekündigten Rücktritt Jörg Meuthens vom Parteivorsitz entwickeln sollte, um nach der eher ernüchternden Bundestagswahl bei kommenden Landtagswahlen 2022 im Saarland, Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen erneut zulegen zu können. Überdies wurde auf Fragen und Anmerkungen aus dem Live-Chat eingegangen.

Kernthemen des Gesprächs waren der andauernde Lagerstreit zwischen martkliberaler und sozialpatriotisch ausgerichteter Wirtschafts- und Sozialpolitik sowie die Rolle metapolitischer Fragen und Grundsatzdebatten in der Entwicklung einer rechten Oppositionspartei. In der Diskussion legte Joachim Paul einen starken Fokus auf ortsspezifische Realpolitik und die Betonung des Leistungsprinzips; Carlo Clemens betonte die Rolle der Metapolitik als Weg zur Vermittlung zwischen Ost- und Westpartei sowie den verschiedenen Lagern. Insbesondere in Fragen der Kooperation zwischen Partei und Medienvorfeld waren sich beide Gäste, die von außen als Teile des freiheitlich orientierten Lagers wahrgenommen werden, einig.

Die Diskussion wurde live und öffentlich ausgestrahlt und kann auf unserem YouTube-Kanal jederzeit kostenlos angeschaut werden.

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