Der Montag – Kalenderwoche 3

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Heute: Laut dem britischen Top-Ökonomen und ehemalige Goldman Sachs-Manager Jim O’Neill häufen sich die Anzeichen für ein schlechtes Jahr. Ist die Inflation nur der Anfang einer größeren Krise?

Der Montag bei konflikt: Wir berichten, was diese Woche ausmacht.

Kommt 2022 die Krise?

Terrence James »Jim« O’Neill, Baron O’Neill of Gatley, ist ein britischer Ökonom, vormaliger Leiter der Division Asset Management bei der Investmentfirma Goldman Sachs und von 2015 bis 2016 kurzzeitig Commercial Secretary to the Treasury unter David Cameron und Theresa May. Von O’Neill stammt die Bezeichnung BRICs (Brazil, Russia, India, China), die er bereits 2001 in Goldman Sachs‘ Global Economics Paper für das Vierergespann der wirtschaftlich erfolgsversprechendsten (damaligen) Entwicklungsländer prägte. Dass seine Prognose besonders für China zutraf, dessen Bruttoinlandsprodukt sich von 1,339 Billionen US-Dollar im Jahre 2001 (Weltbank) auf 18 Billionen US-Dollar im Jahre 2021 (laut chinesischen Angaben) innerhalb von 20 Jahren mehr als verzwölffachte, weist O’Neill in den Augen vieler als Ökonomen mit Weitsicht und gutem Sinn für kommende Entwicklungen aus.

Heute mag der bisherige Erfolg der chinesischen Ökonomie im Rückblick zwar offensichtlich erscheinen, doch nachdem während der 1990er-Jahre bereits Japan und Südostasien schwere Wirtschaftskrisen erlitten hatten, war es Anfang der 2000er alles andere als sicher, ob Chinas wirtschaftlicher Aufstieg weitergehen sollte oder sich bereits dem Ende nahte. Das rasante Wachstum der letzten zwei Dekaden jedoch sollte Prognosen wie der des Goldman Sachs-Ökonomen Jim O’Neill (2001 Kopf der Forschungsabteilung) recht geben. Um so relevanter erscheinen die Prognosen O’Neills heute, in einer Zeit der erneuerten weltweiten Krisen und Unsicherheiten.

Auf der New Yorker Medienplattform Project Syndicate, auf der O’Neill regelmäßig Analysen veröffentlicht, erschien am 13. Januar sein Artikel A Bad Year for Markets?, in dem der Ökonom die Frage stellt, ob in diesem Jahr eine globale Krise einsetzt. Bereits im vergangenen Jahr sei abzusehen gewesen, dass 2022 eines der unsichersten Jahre seit langer Zeit werden könnte, insbesondere angesichts der massiven globalen Inflation im Vorjahr. Darüber hinaus seien die Kurse wichtiger US-Aktien während der ersten Januartage im neuen Jahr schlecht gelaufen – was gemäß einer alten Börsenegel in 85% der Fälle für ein schlechtes Jahr sprechen würde. Obwohl O’Neill diese Heuristik selbst eher für Astrologie als für Ökonomie hält, schließt er sich ihrer Aussage an: Auch er prognostiziert für 2022 schlechte ökonomische Entwicklungen.

Inflation – Unnötige Panikmache?

Dennoch spricht er sich tendenziell gegen Panikmache bezüglich der Inflation aus. Probleme sieht er eher auf Seiten der Wirtschafts- und Fiskalpolitik: Insbesondere die Niedrig- und Negativzinspolitik der Zentralbanken in der vergangenen Dekade betrachtet er überaus kritisch; nur langsam würde bei den Zentralbanken ein Umdenken einsetzen. Gemeint sind die Vorstöße der US Federal Reserve und der Bank of England, denn die EZB hält gegenwärtig an ihrer bisherigen Geldpolitik fest.

Aufgrund dieser und weiterer Entwicklungen sieht der Top-Ökonom O’Neill die reale Möglichkeit einer Flaute an den Finanz- und Investitionsmärkten im laufenden Jahr. Ob die Krise wirklich eintreten wird, oder ob der Aufwärtstrend, der nach den massiven Einbrüchen im Frühjahr 2020 bis Ende 2021 anhielt, sich fortsetzt, sei jedoch noch nicht klar und hänge vor allem davon ab, ob die reale Produktivitätsleistung der westlichen Wirtschaften im laufenden Jahr 2022 wieder ansteigt. Stagniert die Realwirtschaft, so die Prognose, werden die bestehenden Unsicherheiten weiter anschwellen und möglicherweise noch in diesem Jahr oder im nächsten zur Krise führen.

Interessant und von der Frage der Produktivität nicht zu trennen ist überdies O’Neills Einschätzung der Coronakrise:

»Es bleibt abzuwarten, ob die Märkte besorgter über die Inflation sind oder über die Versuche der Gesetzgeber, diese einzuhegen (oder über etwas ganz anderes). Eine vergleichende Erhebung der Performanz verschiedener Sektoren zeigt, dass zyklische Aktien solche Aktien an Leistung übertreffen, die noch vor kurzem besonders gut liefen. Dies steht in Einklang mit jüngerer Evidenz, die nahelegt, dass die Omikron-Variante weniger virulent ist als ihre Vorgänger. Falls dem so ist, könnten viele Länder demnächst Covid-19 als endemische statt als pandemische Gefahr betrachten.«

– Jim O’Neill: A Bad Year for Markets? | Project Syndicate, 13.01.2022

Ob es in deutschen Expertenräten und Ministerien zu einer ähnlich klarsichtigen und optimistischen Einschätzung der Lage kommen wird, ist fraglich. Nicht erst die Zinspolitik der EZB macht vor, wie man auch dann am eigenen Sonderweg festhalten kann, wenn alle Evidenz und ein weltweites Umdenken in die andere Richtung weisen.

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