Der Daimler-Motor – Eine andere Perspektive

Unser Redakteur Benedikt Huber hat vor einigen Tagen in einem Artikel problematisiert, dass Daimler künftig in Kooperation mit einem chinesischen Staatsunternehmen Verbrennungsmotoren in China herstellen wird. Benedikt kritisierte dabei vor allem den ökonomischen Prozess des Outsourcings, sowie den damit einhergehenden Strukturwandel und die einseitige Berücksichtigung der Kapitalinteressen. Doch hat dieser Vorgang Daimlers nicht nur ökonomische Dimensionen, sondern auch metaökonomische. Eine kulturelle Perspektive:

Die Produktion ins Ausland zu verlagern, greift auf konkreter Weise in die deutsche Identität ein, da sie auf eine der Adern deutscher Tradition abzielt.

Deutsche Ingenieurskunst

Der Verbrennungsmotor aus Deutschland ist einzigartig. In jahrzehntelanger Detailarbeit haben Ingenieure und Maschinenbauer die Otto- und Dieselmotoren perfektioniert, sie immer weiter verfeinert und zu unglaublicher Effizienz getrieben. Ein von deutschen Autobauern konzeptionierter und gebauter Verbrennungsmotor steht für besondere Qualität; eine Qualität, die von Ford oder Fiat niemals erreicht wurde. Die ist nur einer der Gründe, warum viele Menschen weltweit immer wieder auf deutsche Autos zurückgreifen, wenn sie sich einen Neuwagen anschaffen wollen. Der FC Bayern München schafft es alle paar Jahre, die Champions League zu gewinnen und somit an der Spitze des europäischen Fußballs zu stehen. Deutsche Verbrennungsmotoren haben das jährlich geschafft – über Jahrzehnte und weltweit.

Wir können also erkennen: Der Verbrennungsmotor aus Deutschland ist ein Teil von uns, er repräsentiert die deutsche Tradition der Ingenieurskunst. Eine Tradition, die schon immer zu unserer Seele gehörte, auf die deutschen Tugenden zurückgreift und elementar von ihnen zehrt. Ehrgeiz, Fleiß und Sparsamkeit, aber auch die Fähigkeit, auf neue Probleme flexibel und dynamisch zu reagieren sowie ein Konzept bis zur Perfektion zu treiben. Carl Benz und Werner von Siemens sind hier als Idealtypen zu nennen. Wie kaum ein anderer verkörperten sie deutschen Erfindergeist.

Jahrzehntelang haben wir von den Früchten dieses Geistes geerntet; unsere ganze Gesellschaft und deren Reichtum wurden auf solcher Grundlage errichtet. Ein Beispiel: Unser einmaliges duales Ausbildungssystem, also die enge Verzahnung von Theorie und Praxis bzw. Schule und Betrieb ist heute ein Rückgrat für unsere starke Wirtschaft. Dass sich dieses Ausbildungssystem ausgerechnet zwischen Nordsee und den Alpen etabliert hat, lässt sich eben auf diesen deutschen Erfindergeist und Ethos zurückführen, der einen Mittelweg zwischen der verschulten französischen und der rein praktischen britischen Ausbildung suchte und fand. Der Malocher, aber eben auch der Facharbeiter oder Techniker – Ergebnisse unserer erfolgreichen Ausbildung, die praxisnah und theoretisch aufgebaut ist.

Technik und Kultur

Nun geht es nicht darum, den Verbrennungsmotor von Daimler oder VW als Ursprung der deutschen Nation darzustellen, jedoch steht der Dieselmotor stellvertretend für unseren erfolgreichen Weg, Technik und Maschinenbau zu meistern. Nicht ohne Grund sind die Technischen Universitäten und Fachhochschulen Deutschlands weltweit hochrenommiert. Wir Deutschen können nicht nur philosophieren, sondern auch Maschinen bauen. Das KIT in Karlsruhe oder die RWTH Aachen sind möglicherweise Heimat der weltbesten Ingenieure, denn nicht ohne Grund haben sich renommierte TUs vor allem an Standorten von großen Technik-Konzernen etabliert – die vielen Studenten jedes Jahr an der TU Braunschweig in der Nähe des VW-Konzerns liefern dafür noch ein Beispiel.

Es entwickelte sich eine ertragreiche Symbiose zwischen Konzernen und der Gesellschaft, sei es für die Facharbeiter und Malocher, sei es für auch für die Ingenieure und Studenten am Schneidebrett, die immer wieder an neuen Stellen an ihrem Dieselmotor schraubten und ihn verbesserten. Wir dürfen nicht vergessen: Der Motor muss nicht nur konzeptioniert werden, sondern auch gebaut und später repariert. Vom KFZ-Mechatroniker-Azubi bis zum studierten Maschinenbauer, aber auch vom Controller oder Kaufmann, der die benötigten Einzelteile zur Produktion einkauft. Der Motor schafft Arbeitsplätze und sorgt gleichzeitig für eine hochqualitative Ausbildung in vielen Bereichen.

Diese Maschinenbautradition hat also unser Bildungssystem beeinflusst – oder vielleicht sogar unsere ganze Kultur. Über Jahrzehnte haben Familien sich in diesem Kosmos ansiedeln können. Ganze Biographien sind entstanden: Familien, die aus Ingenieuren, Facharbeitern und Maschinenbauern bestehen. Wer so etwas beobachten möchte, braucht nur die Regionen um Wolfsburg oder Stuttgart zu besuchen, wo ganze Dörfer und Städte am quellenden Fluss namens Ingenieurskunst laben konnten. Anders gesagt: Der deutsche Verbrennungsmotor hat für eine vollkommene Sozialbürgerschaft gesorgt. Auch diese Schicksale gehören zu unserer Kultur und Tradition.

Und auch ökonomisch hat diese Branche ein Rückgrat gebildet. Während in Frankreich und Großbritannien das Ende des Fordismus und der aufkommende Postindustrialismus wortwörtlich Tabula Rasa in der Industrie machten und ganze Fabrikhallen oder Konzerne wie Vauxhall schließen mussten, zeigten sich der deutsche Ingenieur und die von ihm geprägte Wirtschaft resilient. Dass wir aus den großen Rezessionen der 70er oder auch der neueren Jahre so gut rauskamen, lag unter anderem auch am Maschinenbauer und Mechatroniker. Denn auch hier war die deutsche Industrie einzigartig im Vergleich gewesen: flache Hierarchien, gut ausgebildete Arbeitskräfte, die flexibel auf Produktionsänderungen und Innovationen reagieren konnten.

Wandel und Auslagerung

Man könnte an dieser Stelle das poetische Bild vom faustischen Geist bedienen; aber die offene und qualitative Ausbildung der deutschen (Fach)Arbeiter, Techniker und Ingenieure war in der letzten Hälfte des 20. Jahrhunderts schon deshalb Gold wert, da diese einfacher auf industrielle Umstrukturierungen reagieren konnten. Ein Computer in der Fabrikhalle war für den praktisch und theoretisch ausgebildeten Facharbeiter oder Techniker vielleicht zu Beginn ein merkwürdiges Ding, aber die deutsche Mentalität, die auch über die Ausbildung und unsere Industriekultur transportiert wird, erlaubte es ihnen, flexibel und dynamisch auf neue Herausforderungen zu reagieren. Zum Vergleich: In der britischen Industrie des 20. Jahrhundert gab es langjährige Lehrverträge ohne schulischen oder theoretischen Teil. Man ging oft nach absolvierter Schulpflicht direkt in die Montagehallen und erhielt einen Lehrvertrag. Die britischen Unternehmer beschäftigten also häufig erfahrungsreiche Mitarbeiter, die perfekt mit der vorhandenen Technik umgehen konnten, aber nur sehr langsam auf Innovationen reagierten.

Nun will Daimler die Produktion der Verbrennermotoren nach China auslagern. Was bedeutet es für uns? Dass viele Arbeitsplätze verloren gehen, ist die eine Seite, die unser Autor Benedikt Huber bereits darlegte. Doch es betrifft uns auch kulturell und metaphysisch. Wir könnten den Faden zu der deutschen Tradition der Ingenieurskunst verlieren. Denn: Der von der Politik induzierte Umschwung von Verbrennungsmotoren auf Elektromotoren ist hochriskant. Wenn er schiefgeht, dann gibt es kein Zurück mehr.

Wenn die deutschen Autobauer nicht wieder federführend werden, dann bricht ein eklatanter Teil unserer Wirtschaft, Kultur und Tradition weg. Und mit genderneutralen Kartenspielen oder Kartoffeln aus ökologischem Anbau können wir keine Volkswirtschaft betreiben. Vor allem nicht, wenn man bedenkt, dass Deutschland bisher auf dem Markt der Zukunft – Digitales und Co. – versagt hat. Es geht hier nicht nur um zehntausende Arbeitsplätze, sondern auch um unser Selbstverständnis. Wir sind nicht nur ein Land der Dichter und Denker, sondern auch der Facharbeiter und Ingenieure.

Der Verbrennungsmotor ist nur ein herausstechendes Beispiel, wie tief uns allein die Verlegung der Produktion treffen kann, auch wenn vielleicht Nachfolger (E-Motoren) und die Konzeption noch in Deutschland bleiben. Wir konnten im England Thatchers sehen, was passiert, wenn ein ganzer wirtschaftlicher Stamm wegbricht: Nicht nur ökonomische Einbußen gab es, sondern auch kulturelle. Die Verelendung und das Leid der Malocher im Norden Englands kennt jeder. Genauso wie sie könnten auch wir eine Selbstverständlichkeit unserer Kultur verlieren.

Tradition

Anders formuliert: Der Verbrennungsmotor ist stellvertretend für unsere spezifisch deutsche Tradition und Kultur zu betrachten. Die deutsche Blaupause ‘Industrie’ geben wir aus der Hand. All die hidden champions, all die KMU, die für unseren Wohlstand sorgen und die in über 100 Jahren eine typische Industrie- und Betriebskultur entwickelten, drohen durch ein falsch verstandenes Marktverständnis verloren zu gehen. Hinter Daimler und anderen Konzernen, hinter Firmen aus dem Mittelstand stehen gefestigte Sozialordnungen und lokale Arbeit(er)kulturen, die prägend für Generationen von Familien waren. Ganze Stadteile bildeten sich; ursprüngliche Betriebssportvereine wie Bayer 04 Leverkusen spielen heute erfolgreich in der Bundesliga. Wir können nicht verleugnen oder verschweigen, wie sehr die Industriekultur unser Deutschland geprägt hat.

Es geht nicht darum, auf Teufel komm Raus die Arbeitsplätze in der Verbrennungsmotoren-Produktion in Deutschland zu halten. Es geht darum, wie und auf welchen Grundlagen die deutsche Wirtschaft aufgebaut ist. Noch können die marktführenden Großkonzerne und hidden champions sie aus eigener Kraft tragen, denn deutsche Produkte und made in Germany stehen noch immer für herausragende Qualität. Wollen wir die jahrhundertalte Betriebskultur und Tradition – also individiuelle Unternehmensphilosophien, eine sozialverträgliche Kooperation von Leitung und Belegschaft, Betriebsrenten und weitere Aspekte, die für das erfolgreiche deutsche System stehen – für Bilanzen und Dividenden opfern?

Ja, möglicherweise erwirkt Daimler durch die Ausgliederung schönere Bilanzen. Aber wer profitiert wirklich? Die Aktieninhaber oder die Angestellten? Und ist es uns wert, dafür möglicherweise einen Teil unserer Identität preiszugeben? Wir müssen uns entscheiden. Ein mahnendes Beispiel, wie die Zukunft aussehen könnte, ist die Firma Kuka: Vom Ausland übernommen und jetzt gerupft.

Es zeigt sich mal wieder: Kapitalistische Logik kennt kein Vaterland.

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