Das war das Nullpunkt-Festival

Am 16. Oktober 2020 feierte im Raum Köln das Nullpunkt-Filmfestival seine Premiere. Im Interview mit konflikt hatte es sich auf die Fahne geschrieben, eine Schneise in die linke Kunstszene zu schlagen und Freiräume für mutige und alternative Kunst zu schaffen. Ist dies den Veranstaltern gelungen?

Nullpunkt

Ein Filmfestival, das sich selbst als politisch unabhängig bezeichnet und verspricht, gegen den linken Mainstream in der Kulturszene anzukämpfen? Und das ausgerechnet in der links-grünen Hochburg NRW? Ein ambitioniertes Unterfangen, das schon im Vorfeld mit allerhand Denunziationen und dem Entzug von Veranstaltungsorten zu kämpfen hatte. Dennoch setzte das Nullpunkt-Team seinen Plan in die Tat um und stellte trotz alle Hindernissen ein Festival auf die Beine – ganz ohne Gelder aus staatlichen Fördertöpfen.

Der Abend selbst begann mit einem großen Knall: Eine schrille Bühnenshow inklusive musikalischer und humoristischer Elemente leitete das sich selbst als politisch inkorrekt bezeichnende Festival ein. Was einem da auf der Bühne geboten wurde war roh und abgedreht, die Sprachwahl und der Humor derb und scharf. Zuweilen so sehr, dass man sich fragte, ob die Veranstalter die Grenzen der politische Korrektheit nicht um ihrer selbst willen überschritten.

Egal, ob man etwas mit den humoristischen Einlagen, die sicher auch die Comedy-Shows amerikanischer Filmfestivals persiflierten, etwas anfangen konnte – Fest steht: So ein Bühnenprogramm hätte es auf keinem anderen deutschen Filmfestival geben können. Dennoch ist kurz zu skizzieren, was die Betreiber eigentlich sagten. Letztlich blieben sie ihrer Linie treu, setzten sich in ihren Reden für Meinungsfreiheit und gegen gesellschaftliche Spaltung ein. Dabei wurden sie ihren eigenen Ansprüchen gerecht, indem sie die Problematik thematisierten, ohne dabei eine spezifisch linke oder rechte Perspektive einzunehmen. Stattdessen war es eine individuell-menschliche Perspektive; ein persönlicher Einsatz für Kunst- und Meinungsfreiheit, der gerade aufgrund seiner unverhandelbaren Vehemenz eine Nadel im Ballon der linken deutschen Kulturszene darstellt.

Aus politischer und strategischer Sicht mag man das für verkürzt, vielleicht auch etwas verträumt halten, im Angesicht des totalitär gewordenen Progressivismus die Meinungsfreiheit so sehr hochzuhalten. Andererseits ist dies eben auch die Freiheit der Kunst – zu träumen und in Orte vorzustoßen, die der biederen Tagespolitik notwendigerweise unzugänglich bleiben. Die Frage ist nur: Was geschieht nun an diesem Ort? Versuche politisch inkorrekter Kunst jenseits des kulturellen Mainstreams münden häufig darin, bloß eine negative Spiegelung desselben darzustellen. Die künstlerische Dissidenz wird zum Selbstzweck, die sich-abgrenzen-wollende Provokation zum Ritual.

Siegertreppchen

Doch was erwartet den Zuschauer, den Leser und den Kunstfreund hinter der Schwelle dieser Abgrenzung? Im Falle des Nullpunkt-Festivals waren dies drei mit Geldpreisen prämierte Filme, die dem Anspruch des Festivals in großen Teilen gerecht wurden.

In großen Teilen, weil der Drittplatzierte so auch auf vielen anderen Filmfestivals hätten laufen können – auch wenn er ästhetisch hochwertig war: Der Regisseur erwies sich als Multitalent und hatte neben dem Filmdreh auch den Soundtrack, der irgendwo zwischen Ambient und elektrischem Jazz anzusiedeln war, selbst eingespielt. Ein guter Film, aber nicht besonders provokant.

Der zweite Platz hingegen, „Bob – Versuch eines Künstler-Portraits“ von Marc Rößler, siedelte sich schon eher im Milieu der politisch inkorrekten Kunst an. Hier ging es um einen Bombenbauer, der sein Handwerk als Kunst betrachtet und nach strengen, von klassischen Abenteuer- und Actionfilmen geprägten, ästhetischen Kategorien arbeitet. Dabei macht sich der Film en passant über eine hyperliberale Kultur der Beliebigkeit lustig, in der selbst noch Mordinstrumente zu Kunstwerken stilisiert werden können, ohne das jemand auch nur den leisesten Skrupel äußert. Interessant war hier auch der Einblick in das Regisseurs-Leben innerhalb eines linksgeprägten Kulturbetriebs: Auf die süffisante Frage der Moderatoren, ob man überhaupt noch Filme über Bomben als Kunst drehen dürfe, antwortete Rößler mit einem Bericht über ein anderes Filmfestival, auf dem er den Film ebenfalls gezeigt hatte. Dort hätte es im Vorfeld tatsächlich Fragen dieser Art gegeben, zumal zu jener Zeit die islamistische Terrorwelle in Frankreich in aller Munde war. Diese Erzählung über künstlerische Mutlosigkeit und politische Kastration innerhalb der Kulturszene erstaunte selbst die von cancel culture und Kontaktschuld-Erfahrungen hartgesottenen Teile des Publikums.

Der Gewinner des mit über tausend Euro dotierten ersten Platzes – was im Übrigen mehr ist, als üblicherweise von staatsfinanzierten Klein-Festivals an Sieger ausgeschüttet wird – stürzte sich hingegen mit seinem Film voll und ganz auf das Thema des Abends. Voll und ganz, weil der Festival-Cut der politisch inkorrekten YouTube-Miniserie „WILLKOMMEN ZU HAUSE“ vom Filmemacher Markus Müller-Hahnefeld wirklich wie ein Sittengemälde Deutschlands im 21. Jahrhundert war. So porträtierte der Künstler eine Welt, in der junge Mädchen es als Ausdruck ihrer feministischen Weltanschauung begreifen, sich vor laufender Kamera Sprühsahne auf dem Busen zu verteilen, während ihre Väter ihre Mütter nicht mehr befriedigen können und sich stattdessen in Bürgerkriegsphantasien stürzen. Über vaterlose Töchter, die sich zwischen den Forderungen einer progressiven Gesellschaft nach Selbstverwirklichung und der eigenen Weiblichkeit nur noch auf der Couch des Psychologen wohlfühlen können und traditionsbewusste Muslime, die als lebendige Antithese zur liberalen Gesellschaft derselben ein insgeheim beneidetes Feindbild für ihre rechtsliberalen und eine amouröse Faszination für ihre linksliberalen Teile liefert.

Dabei nutzt Müller-Hahnefeld Bilder vollkommen überspitzter Charaktere, und als der „wutbürgerlich“ dargestellte Familienvater das erste Mal die Leinwand betrat, glaubte man erst, dass hier eine handelsübliche Karikatur der ach-so-blöden Rechten abgeliefert würde. Doch das Gegenteil war der Fall: Der Familienvater lieferte plausible Argumente für seine politischen Ansichten, behielt trotz seiner charakterlichen Überzeichnung seine Würde als Mensch und bewies die Legitimität seiner Ansichten. So wusste die Tochter seinen Argumenten gegen die Frauenquote letztlich nur einen wütenden Schreianfall entgegenzusetzen – ein Bild, das in öffentlich-rechtlich produzierten Filmen und Serien undenkbar wäre. Letztlich war der Familienvater nicht bloß eine etwas bessergemeinte Wutbürgerkarikatur, sondern zeichnete auch authentische Merkmale der deutschen Seele. Er war nicht nur der Thunfisch-Dosen hortende Bürgerkriegsnarr, sondern zitierte gleichermaßen Bismarck wie Eichendorff, vereinte Nüchternheit und Romantik.

WILLKOMMEN ZUHAUSE – Alle Teile auf YouTube anschauen

Zum Schluss hatte auch der Filmemacher selbst einige Worte zum Thema des Abends beizusteuern, sprach sich Konsequent für die Freiheit der Meinung und Kunst aus und warnte gleichermaßen davor, einparteiische Gegenkultur als bloß reinigendes Ritual zu betreiben – der Tenor seiner Rede: Kunst dürfe sich nicht in Grabenkämpfen verlieren.

Fazit

Von Grabenkämpfen war am Abend des Filmfestivals tatsächlich nichts zu spüren – im Gegenteil fand sich hier ein bunt gemischtes Publikum von künstlerisch und politisch interessierten Menschen zusammen. Und egal ob die Zuschauer liberal, konservativ oder sogar links eingestellt waren – über die Kunst als Brücke der Kommunikation fand nach dem Festival ein angeregter und offener Austausch in Privatgesprächen statt. Ganz ohne Meinungstabus und Redeverbote.

Und ja, da war tatsächlich etwas von einer Schneise innerhalb der Kulturlandschaft zu spüren, eine gewisse Luft des Aufbruchs. Es bleibt zu hoffen, dass sich die Veranstalter diese Luft nicht nehmen lass und das Festival auch ein nächstes Mal stattfindet. Das Potenzial für Freiräume gegen den politischen Mainstream ist in der Kunst- und Kultursphäre nämlich nach wie vor vorhanden – das hat das Nullpunkt-Festival bewiesen.

Leider konnten aufgrund der Corona-Bestimmungen nur 50 Gäste teilnehmen. Wenn das nächstes Jahr besser wird, wird die konflikt-Redaktion in voller Stärke anwesend sein und den Festival-Besuch mit einem Lesertreffen verbinden. Das Nullpunkt-Festival finanziert sich aus Spenden – wenn Euch dieser Artikel gefallen hat und Ihr wollt, dass das Festival auch nächstes Jahr Raum für dissidente Filmkust bietet, schaut hier vorbei und werft ihnen einen Euro in den Hut.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.