Cristian Schwochow – Je suis Karl

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Ein Abziehbild der Identitären Bewegung tritt nach außen harmlos und gemäßigt auf, entpuppt sich dann aber als knallharte Nazitruppe. Nur eine kleine Gemeinschaft grüner Musterdemokraten und hervorragend integrierter Flüchtlinge kann den Terror stoppen. Lorenz Bien und Oskar Hugo zum neuesten Antirechtsfilm »Je suis Karl«.

Von Lorenz Bien und Oskar Hugo

Das verwackelte Bild zeigt eine Frau und einen Mann in einem Auto. Sie geben dem Zuschauer zu verstehen, dass sie auf dem Weg nach Budapest sind, um dort den Flüchtling Yussuf abzuholen und unbemerkt am österreichischem Grenzschutz vorbeizuschmuggeln. Die Frau, lebensfroh und mit französischem Akzent, trägt während der Grenzkontrolle eine rote Clowns-Nase, die sie sich kurz zuvor – mutmaßlich in einem Akt demonstrativen Protests gegen die »Festung Europa« – aufsetzte, während an dem Auto Karawanen von Migranten vorbeiziehen. Später filmt der Mann sich und seine Frau beim exzessiven Herumblödeln und Grimassenziehen – auf dem Rücksitz der Flüchtling. Die ersten Minuten von »Je suis Karl« haben etwas von einem Found-Footage-Film – »Blair Witch Project«, auf Willkommenskultur gebürstet.

Doch der erste Eindruck des vom deutschen Regisseur Christian Schwochow produzierten Films verblasst jäh. Wenige Aufnahmen später sterben nämlich die Frau und die zwei kleinen Söhne des Paars, nachdem der Mann (Milan Peschel) – der stets den gutmeinenden, aber trotteligen Vater mimt – ein Paket im Wohnungsflur abstellt, das eigentlich für eine Nachbarin gedacht ist und Sprengstoff enthält. Der Lieferant des Pakets: ein bärtiger, südländisch aussehender Mann. Die Tochter, Maxine Baier (Luna Wedler), genannt Maxi, ist außer Haus und überlebt den Anschlag. Es sind brachiale Szenen, mit denen der vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, dem Deutschen Filmförderfonds, der öffentlich-rechtlichen Filmförderungsanstalt sowie der Film- und Medienstiftung NRW üppig finanzierte Film eröffnet.

Und wüsste der Zuschauer nicht, welchen Film er sich anschaut, könnte er glatt glauben, dass hier tatsächlich in drastischen Bildern der Ablauf eines islamistischen Terroranschlags gezeigt wird – auf überdrehte, zynische Weise, vielleicht sogar aus einer einwanderungskritischen Perspektive. Biedermann holt den Brandstifter über die deutsch-ungarische Grenze im Namen der Menschenrechte zu sich, um dann selbst Opfer islamistischen Terrors zu werden. Aber nein, auch dieser Eindruck täuscht. Mit dem Zaunpfahl winkt der Film seinem Zuschauer zu, dass da ein doppelter Boden ist – so einfach kann die Wirklichkeit schließlich nicht gestrickt sein, so der implizite Tenor.

Identitäre auf Wish bestellt: »Re/Generation Europe« und ihr mörderischer PR-Plan

Und in der Tat ergibt sich bald, dass der tatsächliche Täter der junge, gutaussehende Karl (Jannis Niewöhner) ist, seines Zeichens eine Führungsfigur des europaweit agierenden Identitäre-auf-Wish-bestellt-Verschnitts »Re/Generation Europe«. Er ist es auch, der die junge und hoffnungslose Maxi vor sensationsgierigen Journalisten rettet und sogleich zu einer ominösen Sommerakademie einlädt. Die wiederum gibt sich nach ihrer traumatischen Verlusterfahrung und einer obszönen Anmache seitens eines jungen Arabers oder Türken apathisch diesem rechten Don Juan und kriminellen Mastermind hin, der sie letztendlich nur deshalb erotisch und politisch verführt, um sie in seinen irrsinnigen PR-Plan einzubauen. Dieser Plan besteht darin, reihenweise islamistische Anschläge eigens dafür zu inszenieren, um sie medial auszuschlachten und seiner »Re/Generation Europe«-Bewegung öffentlichen Auftrieb zu verschaffen – so soll Maxine später als Terror-Opfer die Massen emotionalisieren.

An dieser Stelle drängt sich dem Zuschauer die bemerkenswerte Geschwindigkeit auf, mit welcher der Film von emotionalen Tod-, Trauer- und Trauma-Szenen zu trashigen Episoden eines Antifa-Fiebertraum hinüberwechselt und schließlich geradezu zum politischen Horrorfilm mutiert. Diese freilich polemischen Bezeichnungen werden dem Film inhaltlich jedoch nicht vollständig gerecht: Besser geeignet ist hier der Begriff des Exploitation-Films, genauer gesagt des Rechtsploitation-Films, als dessen ehrwürdiger Neuling sich »Je suis Karl« erweist und so in die Fußstapfen vorheriger Tatort-Folgen tritt.

Rechtsploitation und Realitätsverdrehung

Exploitation-Filme, so heißt es im Lexikon der Filmbegriffe der Uni Kiel, dem größten deutschsprachigen Online-Filmlexikon, »sind meist reißerischen Inhalts. Sie nutzen die Neugier und Sensationslust des Publikums, um ihre i.d.R. gewalttätigen und blutigen Bilder zu verkaufen.« Dementsprechend gab es Nunsploitation (Nonnen), Blaxploitation (Schwarze) und Sexploitation oder auch Naziploitation – oft stand dabei eine stereotype Gruppe im Vordergrund, deren überzeichnet dargestellte Eigenschaft effekthascherisch ausgeschlachtet wurden, um möglichst großen Absatz zu generieren.

So auch in »Je suis Karl«: In dem Film offenbart sich dem Zuschauer ein aberwitziges Zerrbild rechter Jugendbewegungen in Europa. Gerade weil die durchaus hochwertig für den Film produzierte und stilistisch wenigstens nicht komplett an den Haaren herbeigezogene rechte Szene-Musik – einerseits ein Rapper, der wie eine Mischung der französischen Black-Metal-Gruppe Peste Noire und dem US-amerikanischen Rap-Trio Death Grips klingt und in einem gewaltverherrlichenden und dennoch tanzbarem Titel zum Krieg (»À la guerre«) aufruft und andererseits ein identitäres Goth-Girl mit musikalischen Anklängen an Neoklassik und Neofolk, das die Geburt einer neuen Kultur besingt – sowie die Slogans und Werbevideos von »Re/Generation Europe« auf tiefgehende Recherche im Vorfeld schließen lassen, wirkt der dem Führungsquartett der Bewegung aufgestülpte Terrorismus umso künstlicher und lächerlicher – auf einen kritischen Zuschauer jedenfalls.

Doch nicht nur der Terrorismus wirkt unglaubwürdig: Die jungen Rechten schmeißen im Film Ecstasy-Pillen, geben sich wilden, (auch gleichgeschlechtlichen) Knutschorgien hin und planen währenddessen den nächsten Terroranschlag. Dass ihre Sommerakademie, mit ihren Poetry-Slam-Vorträgen und Social-Media-Events eher an Klima-Protestcamps denn an rechte Theorieveranstaltungen erinnert, lässt auch auf ein gewisses Maß an Projektion schließen – genauso wie der Umstand, dass es in der bundesdeutschen Realität ja eher linke Akteure sind, die »ihre« Terroristen feiern und gegen die staatliche Exekutive in Schutz nehmen.

Islamistische Terroranschläge als rechte Konstruktion

In »Je suis Karl« jedenfalls werden die Protagonisten der »Re/Generation Europe«-Bewegung als dekadente, drogenabhängige und gleichzeitig satanisch charmante, eloquente und gutaussehende Naziterroristen dargestellt, die ihre Bestialität hinter wohlfeilen Chiffren von Freiheit, Sicherheit und Nation verstecken und trotzdem am Ende – genauso wie die meisten Charaktere des Films – doch nur blass gezeichnete Schablonen abgeben. Als eine Chiffre für künftige Genozid-Pläne wird auch die Unterstützung der rechten Aktivisten für das Marine-Le-Pen-Double Odile Duval (das furiose Finale des Films spielt in Frankreich) und ihren Volksentscheid zur Wiedereinführung der Todesstrafe dargestellt, wobei nie ganz klar wird, in welchem Verhältnis letzterer zum willkürlichen Massenmord steht, in den die Handlung des Films mündet. Denn natürlich endet der Film mit einer faschistischen Machtergreifung, die aber mehr nach einer Mischung aus linksextremer G8-Gipfel-Randale und Banlieue-Riot denn nach militärisch unterstütztem Staatsstreich aussieht und von dem zarten, orientalischen Gesang Yussufs begleitet wird, der Maxine gemeinsam mit ihrem Vater aus den Klauen der Identitären befreien will.

Dem durchschnittlichen Zielpublikum von »Je suis Karl« dürfte diese dezent mit Wahrheit und Wirklichkeit gewürzte, bizarre Lügenwelt, in der islamistische Terroranschläge (deren blutige Realität im Film vollständig ausgeklammert wird) buchstäblich zu rechten Konstruktionen werden, jedenfalls als ein Film erscheinen, »der seine Zuschauer am Kragen packt und durchrüttelt, bis man seine Augen nicht mehr vor dem unangenehmen Thema verschliessen kann«, wie die Berliner-Morgenpost auf den dazugehörigen Filmplakaten zitiert wird. Im gut besuchten Kinosaal wirkten die meisten Besucher nach Ende des Films jedenfalls durchaus ergriffen. Dass der neuste Streich des gerade erst in seiner Entstehungsphase begriffenen Rechtsploitation-Genres nicht bei allen Linken gleichermaßen gut ankam, zeigte Hannah Pilarczyk in ihrer Rezension im SPIEGEL: Auch sie warf den Produzenten des Films eine ins Lächerliche überzeichnete Darstellung der rechten Bösewichter vor, auch sie bemängelt eine dümmlich dargestellte Maxi, die sich willentlich zum Instrument der charmanten Turbofaschos machen lässt und kritisiert schließlich tatsächlich auch eine Verdrehung der Wirklichkeit – jedoch deswegen, weil es unrealistisch wäre, dass rechtsextreme Terroristen weiße Deutsche ermorden würden, während »Halle und Hanau« doch ganz klar gezeigt hätten: »Rechte Gewalt trifft Menschen mit Migrationsgeschichte (oder wen Rechtsradikale auch immer dafür halten), sie trifft Jüdinnen und Juden, Linke und Antifaschistinnen.«

Den unkritischen Konsumenten der Rechtsploitation den Spiegel vorhalten

Nach Abspann des Films bleibt jedenfalls eine Gewissheit: Es geht hier um die Konstruktion und Markierung eines Feindes. Also darum, junge, sich politisch vom linksliberalen Mainstream abgrenzende Menschen als potenzielle Terroristen und Massenmörder zu brandmarken, während die Wirklichkeit jenseits der Leinwand eine ganz andere Sprache spricht. Der ideologische Furor, mit dem dieser Prozess des kollektiven Gaslightings in Form von staatlich üppig finanzierten, propagandistischem Monumentalkino wie »Je suis Karl« betrieben wird, lässt jedoch auf eine zunehmende Instabilität der Verhältnisse schließen. Derweil bleibt dem kritischen Konsumenten solcher Rechtsploitation-Filme nur der humoristische und spielerisch-kreative Umgang mit derlei Machwerken: Vorgemacht hatten es anonyme Twitter-Nutzer, die zur Ausstrahlung des Identitären-Tatorts »National feminin« (wir erinnern uns: auch darin wurden Identitäre zu Terroristen stilisiert) unmittelbar eine virtuelle »Junge Bewegung« ins Leben riefen, Sticker druckten und Spaß daran hatten, den unkritischen Konsumenten der Rechtsploitation den Spiegel vorzuhalten.

Überhaupt ist das doch das Sakrileg schlechthin: Propagandawerke zur Belustigung konsumieren, im Kino lachen, wenn alle fromm schweigen und vielleicht sogar das eine oder andere aus dem Film lernen – eine hippe, gesamteuropäische Sommerakademie mit nachhaltig und ausschließlich in Europa produzierten Gin, wie die Produzenten von »Je suis Karl« sie zeichneten, wäre immerhin tatsächlich eine feine Sache und man kann sich nur wünschen, dass sich hier die eine oder andere dissidente Gruppe irgendwo in Europa etwas abschaut. Dann hätte die deutsche Filmförderung immerhin auch einmal etwas Gutes vollbracht!

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