“Clan”-Debatte – too long; didn’t read

Theorie- und Strategiedebatten sind für das gesamte konservative Lager wichtig. Aber nicht jeder hat die Zeit, seitenlange Texte zu lesen. Daher fassen wir die wichtigsten Argumente beider Seiten noch einmal kurz und bündig zusammen.

Repressiver Liberalismus – quintacolumna

Die Autoren gehen davon aus, dass die 2010er-Jahre eine Dekade der entscheidenden Niederlagen für rechte Politik gewesen wären. Der Rechtspopulismus bzw. Parlamentspatriotismus von AfD und FPÖ seien gescheitert. Außerhalb des deutschsprachigen Raumes würden ein angebliches Versagen Donald Trumps und die Erfolglosigkeit der italienischen CPI ein ähnlich tristes Bild zeichnen. Und schließlich sei auch der Ansatz des identitären Aktivismus an seine Grenze gestoßen. Diesen definieren sie wie folgtt:

“Die IB will in Anschluss an Gene Sharp und Srda Popovic mit einer „Politik der gewaltlosen Aktion“ die Thematik auf die Straße, in die Medien und letztlich in die Köpfe der „schweigenden Mehrheit“ bringen.”

Dann beschreiben sie die Repression, der dieser Aktivismus ausgesetzt war. Vor diesem Hintergrund kommen sie zum Schluss, dass der liberale Staat gar nicht so tolerant ist, wie er immer tut; und weil finanzielle und metapolitische Unterstützung aus dem Ausland ausbleibt, sei auch die Strategie der Farbrevolution unmöglich. Als eigentliche Schwachstelle der aktivistischen Strategie arbeiten sie im nächsten Schritt heraus, dass es die eingangs beschworene “schweigende Mehrheit” gar nicht gebe. Dies hätte Alain de Benoist schon in den 1980ern begriffen.

Aus diesen Überlegungen heraus erteilen sie sowohl den rechten Parteien als auch dem rechten Aktivismus eine Absage. Statt sich weiter für diese einzusetzen, solle man “nach innen” gehen, “den Liberalismus in sich selbst überwinden” und sich von der Idee des Nationalstaates verabschieden. An die Stelle der politischen Arbeit, die die Eroberung der Staatsmacht zum Ziel hat, soll die Bildung von Clanstrukturen treten. Dies soll aber explizit kein “Rückzug ins ‘Private'” sein, sondern es sollen “neue Stämme”, “neue ethnische Gemeinschaften” mit “Autonomie im kulturellen und sittlichen Bereich” angestrebt werden. Wenn man es in diesen Punkten den fremden ethnischen Minderheiten gleichtäte, würde man “nicht mehr primär gegen etwas, sondern für etwas” kämpfen, nämlich für die eigene (neue) Stammesidentität. Zum Abschluss soll der Leser einen französischen Neofolk hören.

Entpolitisierende Mystik – konflikt

Unsere Kritik am Artikel von quintacolumna agiert auf drei Ebenen: Wir halten die pessimistische Gegenwartsanalyse für falsch und für ein Ergebnis mangelnder theoretischer Klarsicht. Wir halten den Strategievorschlag für genau das, was er behauptet, nicht zu sein: Eine Absage an die Politik, verpackt als avantgardistische Neuausrichtung. Und wir erkennen in Stoßrichtung, Aufmachung und dargelegtem Weltbild die Elemente aller kleinbürgerlichen Rückzüge ins Private – nämlich die verklärende Mystik und den Gestus des freimachenden Durchbruchs, welcher jedoch in Verfestigung der eigenen Ohnmacht mündet.

Zunächst werfen wir den Autoren vor, aus der momentanen Lage der deutschen und österreichischen Rechtsparteien eine unzulässige Hoffnungslosigkeit abzuleiten. Wir sind uns der Probleme, insbesondere der metapolitischen Probleme dieser Parteien bewusst – dennoch besitzt die AfD nach wie vor ein immenses Potenzial, das nicht einfach von der Hand gewiesen werden darf. Die Autoren schließen aus ausbleibenden Umbrüchen auf eine hoffnungslose Lage, und daraus müssen wir schließen, dass sie das Prinzip des jahrzehntelangen metapolitischen Stellungskampfes nicht verinnerlicht haben – obwohl sie davon sprechen.

Wenn die Autoren hingegen sagen, dass die IB an ihre Grenze gestoßen sei, lassen wir das so stehen; hier scheinen sie zu wissen, wovon sie reden. Doch widersprechen wir auch hier den von ihnen angeführten Gründen: Sie präsentieren die Einsichten, dass der Liberalismus seinen Gegnern gegenüber gar nicht tolerant agiere und dass die “schweigende Mehrheit” ein feelgood-Mythos sei, als Schlussfolgerungen aus jenem Scheitern. Dabei zitieren sie selbst Denker, die dieselben Einsichten schon vor Jahrzehnten äußerten. Vor diesem Hintergrund zerbröckelt der avantgardistische Anspruch des Artikels.

Den Strategievorschlag zur Bildung “neuer Stämme” kritisieren wir schließlich scharf, weil er nicht nur auf diesen Fehlern aufbaut, sondern noch weitere hinzuaddiert. Einerseits widerspricht er der vermeintlichen Erkenntnis über den totalitären Liberalismus, die quintacolumna gerade erst gemacht haben will: Parallelgesellschaften ethnischer Minderheiten werden in der globalistischen Ordnung toleriert und gefördert; doch Projekte autochthoner Europäer, die die Bildung ähnlicher Parallelgesellschaften anstreben, wird der Hegemon unweigerlich als Feind erkennen und bekämpfen. Wer dies nicht begreift, kann oder will nicht einsehen, dass die herrschende Ideologie auf die Abschaffung unserer Identität zielt – egal, ob diese politische Souveränität beansprucht oder nicht. Vor diesem Hintergrund erscheint die ganze Strategie als Versuch, der Kriegserklärung durch die volksfeindlichen Eliten irgendwie zu entkommen, anstatt den Kampf um metapolitische Hegemonie in Staat und Volk voranzutreiben.

Egal, wie man diese von uns kritisierte Ausweichbewegung ästhetisch aufwertet: Es bleibt eine entpolitisierende Flucht ins Private. Die expliziten Abgrenzungen von Biedermeier und Co. laufen ins Leere, weil sich jeder Rückzug ins Private seinen eigenen Akteuren stets als bahnbrechender persönlicher Durchbruch präsentiert: Sei es die Herstellung eines privatistischen Paradieses, sei es die Bildung einer anarchistischen Künstlerkolonie an der Mittelmeerküste, oder sei es die Gründung von EVROPA-Clans. Das Gefühl der Freiheit, das sich dabei einstellen mag, ist nur die momentane Gnade des siegenden Gegners angesichts der eigenen Kapitulation.

Fazit

Sind wir in unserer Antwort übermäßig polemisch geworden, wie manche uns vorwerfen? Keineswegs. Wollten wir polemisch sein, würden wir den Autoren eine Ferienreise ins beschauliche nordwestmecklenburgische Jameln empfehlen, um dort schon einmal das freiliegende Bauland zu sichten. Alternativ könnten wir sie fragen, welche Wiener Vororte sie mit ihrem Clan zuerst auszuplündern gedenken und ob ihre Bergfeste schon ausreichende Luftabwehr besitzt, um die kommenden Globohomo-Drohnenangriffe zu überstehen.

Wenn wir an dieser Stelle ins Alberne abgleiten, liegt das beileibe nicht an unserer Intention, sondern an der Fluchtlinie des von der Gegenseite vorgelegten Artikels. Dennoch wollen wir niemanden persönlich angreifen und ebenso registrieren wir Kritik an Inhalt und Stil unserer Intervention nicht als persönlichen Angriff auf uns. Um einen sehr dichten Gedanken zu analysieren und zu kritisieren, muss man auch mal das rhetorische Skalpell anlegen.

In unseren Augen jedenfalls kann die ursprungsromantische Aura von “Clans” und “Stämmen” die gravierenden theoretischen und strategischen Fehler nicht übertünchen. Wenn die Autoren bei quintacolumna aufgrund ihrer Erfahrungen weg von einer explizit rechten politischen Bewegung und hin zu einer traditionalistischen Subkultur wollen, können sie das auch im Klartext ausdrücken – dann muss jeder selbst entscheiden, ob er dies für eine sinnvolle Strategie hält. Nimmt man den Vorschlag jedoch ernst, betritt man ein Feld, das dermaßen weit entfernt von allen gegenwärtigen Realitäten liegt, dass seine Autoren mehr liefern müssen als vage Hoffnungen auf “neue Kultur und Sitte”.

Wenn es ihnen hingegen primär um verstärkte Vernetzung und Strukturaufbau hinter den Kulissen geht – wenn sie das vorpolitische Umfeld für Aktivisten und Politiker ausbauen wollen – sind wir mit ihnen sogar einer Meinung. Dann verzeichnen wir Repressiver Liberalismus als ersten Versuch, etwas einzufordern, dessen Notwendigkeit wir alle erkennen, das aber in der Breite erst noch geschaffen werden muss. Dann wären wir auch bereit, über die versuchte Suggestion eines avantgardistischen Anspruchs durch existenzialistische Ästhetik hinwegzublicken. Daran müsste sich aber eine explizite Rücknahme der Absage an die Nation anschließen. Mit Antinationalen könnten wir zwar weiterhin diskutieren – aber sie stehen nicht mit uns im konservativen Lager.

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