Aphex Twin – Selected Ambient Works 85-92

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Das erste Aphex Twin Album wird 30 Jahre alt. Möglicherweise.

Wie oft kommt es in unserer heutigen Welt vor, dass der Veröffentlichungstermin eines Musikalbums im Rückblick nicht mehr eindeutig feststellbar ist?

Laut dem Plattenlabel Apollo Records erschien das erste Aphex Twin Album Selected Ambient Works 85-92 am 9. November 1992. Kürzlich gratulierte hingegen Independent-Journalist Ed Power dem Album zu seinem 30. Geburtstag und datierte die Veröffentlichung »irgendwann Anfang Februar« desselben Jahres. Mehr als ein halbes Jahr vor dem offiziellen Veröffentlichungstermin – eine bemerkenswerte Diskrepanz.

Ein Einbruch des Mysteriums in unsere durchrationalisierte und technisch komplett-erfasste Welt? Auf die Gefahr hin, dem Album verfrüht zu gratulieren (es soll ja Unglück bringen), wollen wir den Anlass nutzen, um über Selected Ambient Works 85-92 zu sprechen.

Mehr als Techno

Die Selected Ambient Works 85-92 gelten als eines der ersten Alben elektronischer Musik, die als „mehr“ gelten denn als stumpfe Rave-Beschallung. Sphärische, ineinander wabernde Flächen, komplexe, hypnotische Rhythmen und eine merkwürdige Stimmung von Weite und Euphorie – obwohl prinzipiell tanzbar, lud das Album ebenso sehr dazu ein, sich alleine und im Stillen in der Musik zu versenken. Dank Aphex Twin zählte »Techno« nun plötzlich als eine ernstzunehmende Form der Indie-Musik. Die Musik schien seltsame Fragen aufzuwerfen: wie konnten Maschinen eine derartige emotionale Wärme hervorrufen?

Im Vergleich zu gegenwärtigen Musikproduktionen war die Technik im Jahre 1992 noch sehr analog. Beats und Melodien wurden mit physischen Drum Machines und Synthesizern erstellt, Audiowellen wurden über Kupferkabel zwischen physischen Interfaces übertragen. Der Schöpfungsprozess, der den Zeitgenossen bereits wie Science Fiction anmuten musste, war retrospektiv betrachtet noch auf einer Übergangsstufe zwischen der »klassischen« Musikproduktion des 20. Jahrhunderts und den modernen Produktionsweisen des digitalen Zeitalters. Computer und visuelle Bearbeitungsprogramme spielten noch kaum eine Rolle.

Technologie als Projektionsfläche

Das Verhältnis von Mensch und Technik war daher zugleich eine noch weit größere Projektionsfläche als heute – niemand konnte wissen, was in Zukunft möglich sein würde und was nicht. Die Fantasien überschlugen sich daher, geradezu paradox zu den beschränkten Aufnahme- und Produktionsmöglichkeiten. Unvorhersehbare Entwicklungsrichtungen der Technik weckten Assoziationen von unendlicher Weite und grenzenlosen Möglichkeiten. Auf Plattencovern und in Booklets der Zeit finden sich häufig Darstellungen von undefinierbaren, endlosen Räumen, unvergessen etwa die psychedelischen Graphiken und Collagen der Projekts The Future Sound of London mit ihren Landschaften, fremdartigen Lebensformen und abstrakten Maschinen. Und als das Time Magazin im Februar 1993 über »Virtual sex, smart drugs and synthetic rock n‘ roll« berichtete, blickte einem vom Cover eine androgyne Figur entgegen, im Hintergrund ein endloser Strudel aus elektronischen Geräten.

Außerirdische Klanglandschaften

Selected Ambient Works 85-92 scheint diese Stimmungen aufzugreifen und gleichzeitig zu subversieren. Während Tracks wie Xtal und Pulsewidth weich und ätherisch klingen, Xtal vielleicht auch auf eine unterschwellige Weise traurig, kippt die Stimmung bei Green Calx und Schottkey 7thPath ins Fremdartige. Ersteres beginnt mit einer grummelnden Acid-Basslinie und einem nervösen Beat, bald schieben sich alienartige Fiep- und Knarzsounds dazwischen. Schottkey 7th Path kehrt wieder zu Landschaftsbildern zurück, verschiebt die Atmosphäre dabei aber ins Desolate, Verlorene; der dazugehörige Beat erinnert an das unerbittliche Stampfen einer Maschine. Hedphelym stellt den Endpunkt dieser Entwicklung dar. Die außerirdisch klingenden und ins unendliche verhallten Synthesizerflächen verschlucken den wie aus ferner Tiefe wummernden Beat beinahe und wabern in einer unnachahmlich harmonisch-disharmonischen Weise durcheinander. Läuft das Album einmal bei geselligen Abenden im Hintergrund, sieht man nicht selten die gleichen Personen, die zu den vorherigen Stücken noch gutgelaunt im Takt wippten, sich plötzlich irritiert zu den Boxen umdrehen. Kurz: Hedphelym ist unheimlich.

Von Aphex Twin zu Nick Land

Der kulturelle Einfluss des Albums kann wohl kaum überbewertet werden. Der künstlerische Ansatz Aphex Twins darf als Blaupause für spätere Musikprojekte wie Boards of Canada oder Burial gelten. Doch auch Projekte wie das von Nick Land geprägte Cybernetic Culture Research Unit, mit ihrer Vermischung von Philosophie, Okkultismus und Kunstavantgarde, sowie die spätere Theorie Lands, Kapitalismus (und die von ihm geprägte Technologie) sei die Bewegung hin zu einem sich aus der Zukunft in die jetzige Maschinenwelt hineingeisternden Bewußtsein, wirkt im Rückblick beinahe wie von den schrägen Klanglandschaften Aphex Twins inspiriert. Spätestens Mark Fisher sah in elektronischer Musik einen konkreten Ausdruck sozialer, wirtschaftlicher und geistiger Bewegungen, ein Aspekt der in seinen Musikrezensionen beinahe einen größeren Raum einnahm als die Musik selbst.

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